Was ist Polycythaemia vera (PV)?

Die Polycythaemia vera (PV) ist eine langsam fortschreitende,¬†chronische Erkrankung der blutbildenden Zellen im Knochenmark und z√§hlt zur Gruppe der myeloprofiliativen Neoplasien (MPN). PV ist also eine Form von Blutkrebs, bei der es zu einer abnormalen Vermehrung aller drei Arten von Blutzellen kommt, insbesondere aber der roten Blutk√∂rperchen (Erythrozyten). Infolge des √úberma√ües an roten Blutzellen wird das Blut z√§hfl√ľssiger, es verdickt. Dadurch erh√∂ht sich das Risiko f√ľr Durchblutungsst√∂rungen und dass Blutgef√§√üe¬†verstopfen¬†(Embolien) oder Blutgerinnsel entstehen (Thrombosen). Werden diese Blutgerinnsel verschleppt, droht ein Herzinfarkt,¬†ein Schlaganfall¬†oder eine Lungenembolie.¬†

Der komplizierte Name der Krankheit stammt aus dem Griechischen: Poly = viele, cyt = Zellen, haemia = Blut. Der Zusatz ‚Äěvera‚Äú ist lateinisch und bedeutet wahr.

Blutgefäß Polycytaemia vera

Wie häufig ist eine Polycythaemia vera-Erkrankung?

PV wird zu den seltenen Erkrankungen gezählt. Etwa 1 von 33.000 Personen erkrankt pro Jahr. Ab dem 60. Lebensjahr ist das Krankheitsrisiko am höchsten. 

Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

Welche Ursachen hat Polycythaemia vera (PV)?

Die genauen Ursachen dieser gest√∂rten Blutzellproduktion sind noch unbekannt. Fast alle (98%) der PV-Erkrankungen basieren jedoch auf einer Ver√§nderung im JAK-Gen¬†(Januskinase 2).¬†Dieses Enzym ist f√ľr die Signal√ľbertragung innerhalb der Zelle zust√§ndig und steuert so die Zellteilung. Eine JAK2-Mutation bewirkt eine dauerhafte Aktivierung dieses Enzyms und f√ľhrt zu einer ununterbrochenen Teilung der Stammzellen.

PV ist in allen Fällen erworben und keine Erbkrankheit. Sie wird laut heutigem Wissensstand also nicht von den Eltern an die Kinder weitergegeben.

Ob auch ein bestimmter Lebenswandel, Umwelteinfl√ľsse oder der geh√§ufte Kontakt mit bestimmten Chemikalien Einfluss auf die Entstehung einer PV haben, kann noch nicht gesichert gesagt werden. Vermutlich entwickelt sich die Erkrankung zuf√§llig.

Symptome

Symptome bei Polycythaemia vera (PV)?

Viele Betroffene haben bei der Diagnose keine sp√ľrbaren Symptome, da diese meist erst schleichend auftreten und auch sehr unspezifisch sind. Werden sie sp√ľrbar, k√∂nnen je nach Krankheitsstadium folgende Beschwerden auf eine PV schlie√üen:

Allgemeinbefinden:

  • Schwindel; Kopfschmerzen, Sehst√∂rungen, Ohrensausen
  • Leistungsminderung: Ersch√∂pfung, M√ľdigkeit (Fatigue-Syndrom)

Haut:

  • Juckreiz und Brennen vor allem nach hei√üem Duschen und Baden
  • Hauttrockenheit
  • Gesichtsr√∂tungen
  • Missempfindungen der Haut

Blut:

  • Erh√∂htes Risiko f√ľr Blutgerinnsel (Thrombose),¬†Lungenembolie,¬†Herzinfarkt
  • Durchblutungsst√∂rungen vor allem in Fingern und Zehen¬†
  • Erh√∂hte Neigung zu Bluterg√ľssen, u.U. mit Verh√§rtungen und/oder Schwellungen
  • Erh√∂hte Blutungsneigung: ungew√∂hnlich lange Blutungen schon bei kleinen Verletzungen¬†
  • Schleimhautblutungen: Nasen- und Zahnfleischbluten
  • Ungew√∂hnlich starke (u.a. auch schwache) Menstruationsblutung
  • Bluthochdruck

Schmerzen:

  • Glieder- und Knochenschmerzen in den Beinen
  • Schmerzen im linken Oberbauch aufgrund einer vergr√∂√üerten Milz

Verlauf der Polycythaemia vera (PV) 

Die Erkrankung verläuft in der Regel sehr langsam und ist durch zwei Stadien gekennzeichnet:

Chronische Phase 

Als chronisch bezeichnet man einen Krankheitsverlauf von bis zu 20 Jahren.1¬†Diese Phase ist durch eine gesteigerte Blutbildung, u.a. der Erythrozyten, gekennzeichnet und wird von einer zunehmenden Vergr√∂√üerung der Milz begleitet. Die erh√∂hte Anzahl der Erythrozyten bestimmt das klinische Bild und kann zu bedrohlichen Komplikationen f√ľhren, wie zum Beispiel zu Verschl√ľssen der Blutgef√§√üe (Thromboembolien).

Spätphase

Die Sp√§tphase, auch ‚ÄěSpent‚Äú Phase genannt,¬†ist gekennzeichnet durch einen R√ľckgang der Erythrozyten Bildung, eine Zunahme der Milzgr√∂√üe und des Weiteren einer Ver√§nderung des Knochenmarkes. Das klinische Bild der PV √§ndert sich somit und kann in manchen F√§llen zu einem √úbergang in eine der folgenden beiden Erkrankungen f√ľhren:

  • Post-Polycythaemia vera-Myelofibrose (Post-PV-MF)
  • Akute myeloische Leuk√§mie (AML)

Das Risiko einer Post-PV-MF steigt mit Länge der chronischen Phase. 20 Prozent der Post-PV-MF-Patienten erkranken schließlich an einer AML.1 Der direkte Übergang in eine AML ist selten.

Diagnose

Diagnose: Polycythaemia vera (PV) 

Arztgespräch

Da diese Erkrankung des Knochenmarks im Anfangsstadium meist keine Beschwerden verursacht, ist ihre Entdeckung oft ein Zufallsbefund im Rahmen einer routinemäßigen Blutuntersuchung. Manche Patienten bringt eine Durchblutungsstörung oder starker Juckreiz bei Kontakt mit Wasser zum Arzt.

Man spricht von PV, wenn

  • der H√§matokrit-Wert (Ma√ü f√ľr¬†die ‚ÄěZ√§hfl√ľssigkeit‚Äú des Blutes) > 49% liegt1
  • eine erh√∂hte Anzahl von Zellen im¬†Knochenmark vorliegt und
  • eine JAK2-Mutation nachgewiesen ist.

Wie erfolgt die Diagnosefindung f√ľr Polycythaemia vera (PV)?

Die Diagnose einer PV ist sehr komplex, weshalb ein Spezialist f√ľr gut- und b√∂sartige Erkrankungen des Blutes (H√§matologe)¬†hinzugezogen werden sollte. Wichtig im Rahmen der Diagnose ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, bei denen es zu einer √ľberm√§√üigen Vermehrung der roten Blutk√∂rperchen kommt, sowie das Ausschlie√üen¬†von Grunderkrankungen des Herzens, der Lunge, der Niere oder der Leber.

Die Diagnose erfolgt in mehreren Schritten:

Anamnese 

Das ausf√ľhrliche Gespr√§ch steht am Beginn jeder Diagnosefindung.¬†Dabei fragt der Arzt nach den Beschwerden, nach Vorerkrankungen und ob √§hnliche Krankheiten¬†schon einmal bei einem Familienmitglied aufgetreten sind.

Körperlichen Untersuchung

Im Rahmen einer körperlichen Untersuchung wird die Haut auf Veränderungen untersucht, die Milz- und Lebergröße abgetastet etc. Auch per Ultraschall lässt sich dies feststellen, ob diese Organe vergrößert sind.

Bildgebendes Verfahren

Blutuntersuchung

Eine erh√∂hte Anzahl an roten Blutk√∂rperchen (Erythrozyten) sowie ein erh√∂hter H√§moglobin- (roter¬†Blutfarbstoff) und H√§matokritwert (gibt Auskunft √ľber die Viskosit√§t des Blutes, also wie d√ľnn- oder dickfl√ľssig es ist), sind das Hinweise auf eine PV. Auch eine¬†zu hohe Zahl an¬†Thrombozyten k√∂nnen auf eine Polycythaemia vera-Erkrankung deuten.¬†

Molekulargenetische Untersuchung

Bei fast allen PV-Erkrankten wird eine genetische Mutation im JAK-2 Gen festgestellt. Mit Hilfe einer molekulargenetischen Analyse ist es möglich, diese Veränderung in den Blutzellen zu erkennen.

Knochenmarkpunktion

Eine Knochenmarkpunktion sichert die Diagnose ab. Dabei wird eine Gewebeprobe aus dem Knochenmarkt entnommen und die Zellbeschaffenheit unter dem Mikroskop untersucht.

Abbildung Knochenmarkpunktion

Welche Behandlungsmöglichkeiten und Therapien gibt es?

Neben allgemeinen Ma√ünahmen wie Gewichtsnormalisierung, regelm√§√üige Bewegung, Vermeiden von langem Sitzen und Nikotinkonsum stehen abh√§ngig vom Krankheitsverlauf unterschiedliche Medikamente bzw. Wirkstoffe zur Verf√ľgung.

Die Therapie einer PV hat zum Ziel, die Beschwerden der Patienten zu lindern und Komplikationen wie Thrombosen oder Embolien zu vermeiden. Behandelt wird mit Medikamenten, die die Zellteilung hemmen, die Blutgerinnung verlangsamen und die Fließeigenschaft des Blutes verbessern. Je nach Behandlungserfolg und -verlauf können verschiedene weitere Therapien zur Anwendung kommen, darunter Interferon alpha (IFN), Hydroxyurea oder JAK-Inhibitoren.

Die schnellste und einfachste, aber nicht langfristige Methode den H√§matokritwert zu senken und damit das Blut wieder d√ľnnfl√ľssiger zu machen ist, √ľberm√§√üige Blutzellen mittels Aderlass (Phlebotomie) zu entfernen.¬†Durch die Gabe von Acetylsalicyls√§ure (ASS) kann zus√§tzlich das Blut verd√ľnnt werden und es kommt zur Verlangsamung der Blutgerinnung. Wenn das Risiko¬†f√ľr Komplikationen erh√∂ht ist oder die Erkrankung bereits weiter vorangeschritten ist stehen mit derzeitigem Stand milde Chemotherapien, wie die Gabe von Hydroxyurea und Interferon alpha (IFN) f√ľr die Prim√§rtherapie der PV verf√ľgbar. Beide Substanzen haben das Ziel die Zahl der Blutzellen zu reduzieren, indem sie die Teilung von Zellen im Knochenmark hemmen und die Blutbildung somit eingeschr√§nkt wird.

Bei Nichtansprechen der Erstlinientherapie (Aderlass, Acetylsalicyls√§ure, ASS, Hydroxyurea, IFN) ist ein Umstellen auf eine Zweitlinientherapie notwendig. Dazu steht die Therapie mit Januskinase (JAK)-Hemmern zur Verf√ľgung. JAK-Hemmer hemmen in den betroffenen Zellen die Enzyme Januskinase 1 und 2 (JAK1, JAK2) und blockieren ihre Signalfunktion, die sie in den Zellen besitzen. Da diese Medikamente am Ort der Krankheitsentstehung wirken, werden sie als zielgerichtete Therapie bezeichnet.

Bei der PV kann unter Umständen auch eine operative Entfernung oder eine Verkleinerung der Milz sinnvoll sein.

Die einzige M√∂glichkeit eine PV zu heilen, ist eine allogene Stammzellentransplantation. Dabei wird kein k√∂rpereigenes Material verwendet, sondern die Blutstammzellen einer anderen Person. Jedoch ist die Stammzellentransplantation mit hohen gesundheitlichen Risiken behaftet und nicht f√ľr jeden Patienten geeignet.

Leben mit PV 

Die PV ist eine Erkrankung mit g√ľnstiger Prognose. Die meisten Patienten haben eine nahezu normale Lebenserwartung. Voraussetzung ist¬†eine ad√§quate¬†Behandlung, die strikt eingehalten wird.

Ein gesunder Lebensstil trägt zu einer besseren Lebensqualität bei. Dabei sollte auf eine gesunde, leicht verdauliche sowie eisenarme Ernährung geachtet werden.

Geeignete Sportarten sind unter anderem Wandern, Joggen, Fahrradfahren, Schwimmen, Tennis, Golf und Tanzen, denn Ausdauersport hat eine positive Wirkung auf das Kreislaufsystem und kann somit zu einer verbesserten Durchblutung beitragen. Autogenes Training, Meditation, progressive Muskelentspannung, Visualisierungen oder Yoga sind f√ľr viele Patienten gute Ma√ünahmen zur Entspannung.

Reisen können in Absprache mit dem Arzt problemlos unternommen werden. Dabei sollte auf eine adäquate Versorgung im Notfall, auf ausreichende hygienische und medizinische Standards sowie auf Schutz vor UV-Strahlung oder auf wohl temperierte Räume und entsprechende Kleidung geachtet werden.

Auch eine Schwangerschaft ist möglich, da PV nicht erblich ist, und einer beruflichen Karriere steht nichts im Weg.

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Quellen:
1) Tr√ľmper L. et al.: Onkopedia.com, URL: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/polycythaemia-vera-pv/@@guideline/html/index.html (letzter Zugriff: 06.05.2021)
2) Novartis Pharma GmbH, URL: https://www.novartis.at/polycythaemia-vera (letzter Zugriff: 06.05.2021)